Ein bewegendes Dokument hat uns Frau Regina Hein überlassen.

Der Erste Weltkrieg endete vor 100 Jahren und wir nehmen das Datum zum Anlass, den Weihnachtsgruß zweier Mettmanner Pastoren von 1915 auf unserer Homepage zu veröffentlichen. Weil vermutlich nicht mehr viele unserer Mitglieder die akkurate Sütterlinschrift lesen können, in der der Brief verfasst ist, haben wir uns entschlossen, hier auch eine Übertragung des Textes anzufügen.

Der mehr als hundert Jahre alte Brief ist an die Soldaten an der Front, in den Lazaretten oder in der Kriegsgefangenschaft gerichtet und wurde vermutlich im Weihnachtsgottesdienst verlesen.
Die beiden Pfarrer ahnten nicht, dass der schreckliche Krieg noch drei weitere Jahre dauern würde, mit zahllosen Opfern auf allen Seiten.

Der traurige Brief zeigt uns, wie dankbar wir sein müssen, in friedlicheren Zeiten zu leben.

 Gudrun Wolfertz und Anita Schäfer

 

Evangelische Gemeinde                                                                                          Mettmann, den 6. Dezember 1915

Liebe Söhne unserer Gemeinde!

Es ist uns ein Herzensbedürfnis, als Zeichen des Dankes und des treuen Gedenkens Eurer Heimatgemeinde Euch allen auch an diesem Weihnachtsfest einen Weihnachtsgruß zu senden, wenn daheim wieder die Weihnachtsglocken tönen und ihr draußen in Nord und Süd, in Ost und West im Felde oder im Etappendienst, im Lazarett oder in der Garnison, ja mancher vielleicht im fremden Lande im Kriegsgefangenenlager die gleiche, uralte, freudenvolle Weihnachtsbotschaft vernehmt, der Ihr in der Heimat so manches Mal schon gelauscht habt. „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren; darum freue dich, freue dich, o Christenheit!“

An Weihnachten ziehen ja unsere Gedanken in besonderer Weise zu unseren Lieben, die Eurigen zu den zurückgelassenen Lieben in der Heimat und die unsrigen hinüber zu Euch in der Ferne, zu Vätern und Brüdern, Gatten und Söhnen. Und ein Schatten will sich in diesem Jahr auf unsere Weihnachtsfeier legen durch den immer noch tobenden Weltkrieg, der bitteres Leid in manches Haus gebracht und die Weihnachtsfreude verdunkeln will.

64 Söhne unserer Gemeinde, deren Namen am Totenfest in allen Gottesdiensten der Gemeinde bekannt gemacht worden sind, und die einen Ehrenplatz in unserem Gotteshause erhalten werden, sind nach amtlicher Mitteilung bis jetzt den Heldentod für König und Vaterland gestorben. Möge ihr Name auch oben im Himmel angeschrieben werden und ihre Seele aus dem Land des Krieges und des Kriegsgeschreis eingegangen sein zum ewigen Frieden ihres Heilandes, da wo kein Tod mehr ist und kein Streit, kein Leid und kein Schmerz.

Noch ist unser Gebet um den äußeren Frieden nicht erhört. Noch muss unser Volk Gottes züchtigende Hand im Weltkrieg spüren und die bittere Lektion lernen, die es in diesem Kriege lernen soll.
Aber gerade darum brauchen wir an diesem Weihnachtsfest einen starken Trost, ein helles Licht, das unser Herz mutig und stark und getrost macht. Und an Weihnachten ist es uns aufgegangen: „Euch ist heute der Heiland geboren“. Spüren wir es nicht, dass wir ihn jetzt nötiger haben als in den langen Jahren des Friedens? Was wollten wir machen ohne einen lebendigen Heiland, der uns alle unserer Sünden vergibt und heilt alle unsere Gebrechen, der uns tröstet in aller Not und im Sterben die Pforten der seligen Ewigkeit öffnet? Dreißig Jahre musste unser deutsches Volk einst im Kriege Weihnachten feiern. Und war nicht gerade die trübselige Zeit des dreißigjährigen Krieges eine Blütezeit des geistlichen Liedes, der wir die herrlichen Lieder verdanken, die wir bis auf den heutigen Tag singen: „Fröhlich soll mein Herze springen“, „Ich steh an deiner Krippen hier“, „Wir singen dir Immanuel“ und wie sie alle heißen. Und darum rufen wir, Ihr lieben Freunde und Brüder draußen in Wehr und Waffen, es auch bei diesem Kriegsweihnachtsfest Euch zu „Freue dich, freue dich, Christenheit, denn dir ist ja der Heiland geboren!“

Gottlob wir haben im Rückblick auf das abgelaufene Jahr viel Ursache zum Danken und dürfen getrost in die Zukunft sehen und auf das Ende des Krieges, das, will’s Gott, nicht mehr zu lange auf sich warten lässt.

Wer von Euch in Urlaub nach Hause kommt, der möge nicht versäumen, sich unser XXX Soldatenheim im Ev. Vereinshaus anzusehen, das sonn- und werktäglich nachmittags geöffnet ist, das allen Feldgrauen Gelegenheit zum Briefschreiben und Lesen, zum Spielen und Unterhalten so wie zu einer Tasse Kaffee bietet und gern und fleißig von unseren hiesigen Verwundeten benutzt wird.

Und nun seid alle herzlich von Eurer treuen Heimatgemeinde und ihrem Euch allwöchentlich so herzlich bedenkenden Feldpostamt in der alten Katechisierstube gegrüßt und Gott befohlen, liebe Kameraden, mit dem Wunsche eines gesegneten, fröhlichen Weihnachtsfestes. Bis zum Wiedersehen: „Haltet aus im Sturmgebraus!“

                                                                        In Liebe


                                                                                   Eure Pastoren
                                                                                   Christlieb , Klein

   
© Aule Mettmanner