Vorwort von Michael Schaffers

Wilhelm Wintgen war im zweiten Weltkrieg deutscher Soldat. In einem kleinen, unscheinbaren Heft hat er das Ende des zweiten Weltkrieges beschrieben, wie er es erlebte. Harte Fakten, aber auch seine Gedanken und Gefühle hat er in kleiner Schrift zu Papier gebracht.

Es ist eine abenteuerliche Geschichte, die dahinter steckt:

Wilhelm Wintgen senior, der Vater unseres Tagebuchschreibers war Löffelschleifer in Mettmann. Ende der zwanziger Jahre wurde er arbeitslos, wie so viele in diesen Jahren. Mit seiner Familie zog er in die Schweiz nach Schaffhausen. Auch dort arbeitete er in seinem Beruf. Sein Sohn mit gleichem Namen Wilhelm ging in der Schweiz zur Schule und machte auch dort seine Friseurlehre und später seine Meisterprüfung. Es gelang ihm, ein kleines Friseurgeschäft aufzubauen. Er lernte eine Schweizerin kennen, die beiden heirateten, ihr erstes Kind hieß Heidy. Sie ist heute die Witwe des kürzlich verstorbenen bekannten Mettmanners Hermann Schorn.

Bei Kriegsausbruch bekam er den Stellungsbefehl aus Deutschland, dem hätte er aus der neutralen Schweiz nicht Folge leisten müssen. Trotzdem kam er zurück in sein Heimatland, er glaubte, sonst sei Deutschland für ihn endgültig verloren, denn er liebte die alte Heimat seiner Familie. Seine Frau und Tochter Heidy gingen mit ihm zurück nach Mettmann, ( Sept. 1938).und zogen in das Haus von Schrotthändler Platte in der Elberfelder Strasse 63. 1939 wurde er zum Militär eingezogen. 1940 wurde Tochter Doris geboren, heute verheiratet mit Hubert Speck. Im Krieg war er bei den Funkern. Schon früh hatte er sich aktiv in Mettmann beim Roten Kreuz betätigt. Das half ihm nun im Krieg, er war nie in direkte Kämpfe verwickelt.

Wilhelm Wintgen junior schrieb dieses Tagebuch, da er befürchtete, nicht mehr nach Hause zu kommen.

Hubert Speck erinnert sich, sein Schwiegervater habe ihm einmal gesagt: " Ich sehe es als Dankeschön an, dass ich im Krieg keinen Schuss abgeben musste. Sicher ein Dankeschön, dass ich nach Deutschland zurück gekommen bin."

Tochter Doris Speck hat das Buch über das Kriegsende bis heute aufgehoben, nun soll es veröffentlicht werden, ein wichtiges Zeugnis, damit die damaligen Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

Willy Wintgen hat nachdem er wieder in Mettmann war, ein Friseurgeschäft auf der der Elberfelder Strasse eröffnet, die Eheleute bekamen 1952 noch eine dritte Tochter Gaby, heute verheiratet mit Günther Blasberg; 1958 wurde ein zweiter Salon eröffnet auf der Bismarckstrasse 42, ( heute Coroneo) den die Töchter Heidy und Doris bis zu ihrer Verheiratung führten.

1970 musste er aus gesundheitlichen Gründen das Geschäft abgeben und war dann noch 10 Jahre bei G+F als Sanitäter beschäftigt. Im DRK war er bis zu seinem Tod aktiv. Er starb 1992 im Alter von 77 Jahren.


Tagebuch Wintgen

Wilhelm Wintgen begann sein Tagebuch am 20.1.1945

"20.1. 45 Abfahrt zur OstfrontOriginalseite des Tagebuches

21.1.45 Ankunft in Marienburg, es war eine eisig kalte Fahrt. Ein Güterwagen mit 2 Wachen, ein PKW 20-25° Celsius.

22.1.45Die Einheit marschiert nach Großlesewitz. Knolle und ich als Wache, bei 3 LKW, wovon einer mit Proviant beladen ist, zurück.

23.1.45 Nach einer furchtbar kalten Nacht -20° bis -25° C, die wir im LKW wachten und während ohne Unterbrechung der Zug der Zivilbevölkerung zurück marschiert, wird es Tag. Frau Wutschke, Goldenen Ring 17, Mutter 3er Jungen erbarmt sich unser und macht uns Kaffee. Es ist das erste warme Getränk und Essen seit Tagen. Nachmittags bringe ich die Familie zur Bahn, wo ein Güterzug die Menschen abtransportieren soll, ob es noch dazu kam?

23.1.45 Abends dringen Feindpanzer in die Stadt ein. Knolle und ich müssen die LKW verlassen und schlagen uns mit den Kraftfahrern, die einen Trecker organisiert haben, über die Nogat zurück.

24.1.45 Wir kommen in den frühen Morgenstunden zu unserer Einheit. Man hatte uns schon aufgegeben. Auf der Fahrt nahmen wir noch 2 auf der Flucht befindliche Zivilisten mit. Sie kommen aus Deutsch Eklan.

25.1.45 Knolle und ich bleiben in Tannsee beim Tross und leben auf dem Hof des Großgrundbesitzers Bielefeld.
Es ist alles im Überfluss vorhanden, Wein, Eier, Fleisch u.s.w. In der Nacht dringt aber der Feind ins Dorf. Wir fliehen mit einem LKW nach Neudeich.

26.1.45 Unser Rgt. bezieht unser neues Quartier in Brotsack und bekommt Unterstützung von der Infanterie. Wir atmen auf, unsere Verluste der wenigen Tage, die wir am Feind standen, waren groß.

27.1.45 Wir bauen den Gefechtsstand auf, Vermittlung, usw.

28.1.45 Die erste Nachtwache in der neuen Vermittlung liegt hinter mir. Es ist nun ruhig, die Infanterie löst unser Btl. ab. Wir wohnen gemütlich in einem kleinen Bauernhaus, kochen selber und leben von Fleisch und Geflügel. Brot ist knapp. Abends kommt unser Tross, Hauptfeldwebel Langenhorst in unsere Unterkunft und bleibt über Nacht. Wir sitzen abends gemütlich beisammen, dabei werden unsere Verluste der Nacht besprochen: es sind gefallen, 1. Offizier, vermisst 2 Mannschaften. Es ist 20° C und weht ein starker Wind.

28.1.45 Nachmittags war ich beim Stab der Kampfgruppe, Schmidt ist dabei. Oberst Schmidt, seinem Adjutant und weiteren Offizieren die Haare geschnitten. Oberst Schmidt ist Träger des Ritterkreuzes.

29.1.45 Ein ruhiger Tag. Kamerad Reh fährt ins Lazarett. Seine Füße sind erfroren. Er nimmt Post mit, einen Brief für unsere Eltern.Tiegenhof

30.1.45 Unser Rgt. wird nach Tiegenhof versetzt. Knolle und ich und weitere 5 Soldaten bleiben in Brotsack zurück bei der Munition, die noch abgeholt werden muss. Der Feind wurde von Inf. und Panzer auf die Nogat zurück geworfen.

31.1.45 Wir warten in Brotsack darauf abgeholt zu werden, erleben so einen ruhigen Tag.

1.2.45Wir werden abgeholt und fahren nach Einlage an der Nogat, wo der Rgt.Stab seinen Sitz hat. Knolle und ich übernehmen wieder die Vermittlung.

2.2.45Es ist ruhig, Tauwetter erleichtert uns allen den Dienst. Gegen Abend schießt feindliche Artillerie in unser Dorf (Einlage).

3.-5.2.45 Es ist wieder ruhig, wegen des andauernden leichten Art. Beschuss verlegen wir unsere Vermittlung in den Keller. Ebenso wird die alte Funkstelle verlegt und eine neue 40 Watt FK Stelle aufgebaut.

6.2.45 Wir erhalten starkes Artillerie Feuer. Einige Einschläge dicht neben unserem Gefechtsstand. Es gab zum Glück keine Ausfälle, dadurch meine Freizeit ausgefüllt mit Haare schneiden.

7.-10.45 Keine besonderen Vorkommnisse. Nur durch Art. gestört. Wir ernähren uns überreichlich von dem Vieh, welches sich im Überfluss hier frei herum treibt. Schweine, Rinder und Geflügelfleisch ist immer die Hauptnahrung. Brot ist weiter knapp. Doch es reicht uns. Ein Admiral vom O.K.W. besucht uns und nimmt Post mit nach Berlin. Herr Kpt.Mathis (NFSO)???

11.-13.2.45 Es ist weiter ruhig, nur das feindliche Störfeuer hält an. Am 13.2. war ich bei Kp. Ltn.Vater in vorderster Stellung zum Haare schneiden. Wegen eines Feindangriffes musste ich um 15.20 Uhr aufhören und zu meiner Einheit zurück.

13.-19.2.45 Keine besonderen Vorkommnisse.

20.2.45 Abfahrt nach Fürstenau, um 23.50 Uhr, wir bauen dort alles auf. Admiral der Ostsee kommt uns besuchen.

23.-26.2.45 Es ist hier sehr ruhig. Die Zivilbevölkerung ist zum größten Teil noch hier im Ort. Am 25.2. 45 fuhr ich nach Tiegenhof zum entlausen. Es war eine Freude nach langer Zeit baden zu können. Nur mussten wir zu Fuß zurück, das war bei tiefem Schlamm ein beschwerlicher Marsch.

27.2.-7.3. 45 in Zungfer ist ein ruhiges Dasein. Es wird auch gleich ein kasernenmäßiger Betrieb aufgezogen. Die Soldaten sind damit naturgemäß nicht zufrieden. Es herrscht größte Verbitterung.

Am 4.3. erfahren wir, dass der Ring um uns geschlossen ist und wir somit keine Landverbindung mehr zum Reich haben.

8.3.45Die Russen greifen an, wir müssen Zungfer räumen und nach Tiegenhagen zurück.

8.3.45 Doch auch hier haben wir nur 12 Std. und wir müssen uns weiter absetzen, es geht nach Fischerbalke Unser Divisionskommandeur General von Roppard erlässt einen Aufruf, daraus ist ersichtlich, dass unsere Lage aussichtslos ist. Es schließt sich um uns ein Ring, und wenn kein Wunder geschieht, werden wir vernichtet oder gefangen genommen. Eine kleine Freude gab es noch, wir bekamen Post bevor wir Zungfer verlassen mussten. Ich bekam auch vier Briefe von Hedy und bewundere erneut ihre tapfere stolze Zuversicht, die aus ihren Zeilen hervorgeht.

9.3.-14.3.45 Die ersten 2 Tage wurden wir in unserer neuen Stellung Fischerbalke schwer bedrängt. Der Feind schießt uns Artl. Granatfeuer und seine Tiefflieger lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Unsere Vermittlung im Dachzimmer des Bürgermeisters ist sehr kalt und wird von Tieffliegern mit Bordkanone getroffen. Wir hatten glücklicherweise Glück und trugen keinen Schaden davon.

Am 11.3. 45 beziehen wir das Haus des Vieharztes, welcher flüchtet.

12.3.45 Der Feinddruck lässt nach. Wir finden im Keller Wein und machen es uns gemütlich. Zum 17.3. habe ich nach langem wieder einmal die ganze Nacht durchgeschlafen. Es war eine Wohltat. Mehrere Deiche wurden gesprengt und nun steigt das Wasser zwischen uns und dem Feind. Mehr und mehr sind wir auf einer Insel. Vielleicht halten wir nun doch diese Stellung. Die Soldaten und Offiziere vom Tross treffen bei uns ein und berichten, dass sie die L.K.Ws und Funkstation sprengen mussten. Somit ist unser aller Tornister und sonstiges Gepäck sowie Schuster und Schneiderwerkstatt verloren. CNB: Es fällt mir mehr und mehr auf, das große Teile der Zivilbevölkerung äußerst pessimistisch und kriegsmüde sind. Bedauerlicherweise ist das Leben vieler Mädels äußerst verkommen. Sie huren stark herum, rauchen und trinken wie Landsknechte. Sie ekeln mich an, diese Art von Menschen.

16.3.45Wir halten unsere Stellung, der Feind dringt in Pommern Richtung Danzig vor. Es gibt wieder Post. Ein Brief von Hedy und von den Eltern erreicht mich.

21.3.45Es ist weiter ruhig, selbst die feindliche Artillerie und Luftwaffe lässt uns in Ruhe.
N.b.: Der O.K.W. Bericht bringt täglich Meldung, dass der Feind im Westen Fortschritte erzielt. Das ganze linke Rheinufer ist bald verlassen und bei Remagen ein 25 km breiter und 9 km tiefer Brückenkopf über den Rhein gebildet.
Wir sind alle hoffnungslos und glauben, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist.

23.3.45Es wird lebhafter, unser Rgt. übernimmt einen ganzen Abschnitt, der bisher von Oberstleutnant Nagel (RGT)? 61? verteidigt wurde. Neue Einheiten wurden uns unterstellt. Wir erreichen ein vorgeschobenes Rgt. Beim Stab verbleiben nur 3 Mann, Keusen Hugo, Knolle und ich. Es gibt sehr viel Arbeit.

24.3.45 Die feindliche Luftwaffe wird frech. Fast ohne Unterbrechung fliegen Bomber nach Danzig und Jäger und Tiefflieger beschießen unser Dorf. Zum 1. Mal gehe ich, seit meiner Zeit in Ostende eine Ltg. entstören. Zusammen mit Keusen entstöre ich eine Blankdrahtleitung bei Stutthof zu unserer Z.g. Kompanie, St. Wensler (der OKW) Bericht meldet, das feindliche Panzer bis am Main vorstießen(Hanau und Aschaffenburg) das gesamte linke Rheinufer ist in Feindeshand. Luftlande Div. wurden am Ostufer des Niederrheins abgesetzt.

25.3.45Weiterhin rege Lufttätigkeit des Feindes, einige Gelände von Fischerbalke wurde von Tieffliegern in Brand geschossen. - Unser N.O. Christians macht uns Sorgen. Er ist seiner Aufgabe in keiner Weise gewachsen. Wohl gutmütig ist er, unerfahren im Nachrichtenwesen und unsicher in allen Dingen. Das zeigt sich jetzt, wo wir einen neuen Gefechtsstand errichten sollen, weil die H.K.L. zurückgenommen wird.

27.3.45  Die geplante Rücknahme der H.K.L. wird nicht durchgeführt. Der Feind stieß zu schnell nach Danzig durch und Stugen?? und Stutthof infolgedessen von Zivilbevölkerung überfüllt. Es ist kein Platz mehr für die Wehrmacht. Die dort verbleibenden Truppen müssen bis zum 1.4 Feldquartiere (Zelte, Bunker) beziehen. Unter diesen Umständen bleiben wir recht gerne in Fischerbalke, wo wir im Hause des Tierarztes gut untergebracht sind. Neue Deiche wurden gesprengt und dadurch große Landstriche zwischen uns und dem Feind überschwemmt. Die Brotration wird gewaltig gekürzt, statt mit drei müssen sich jetzt 6 Mann ein Brot teilen. Zum Glück ist Fett und Fleisch genug vorhanden, so dass wir keinen Hunger leiden brauchen.

29.3.45Keine besonderen Vorkommnisse. Das Wasser steigt noch an. Unsere Störtruppe musste Boote besorgen, um auf Störsuche zu gehen.

30.3.45Danzig und Gotenhafen fielen in Feindeshand. Ein Flüchtlingsstrom kommt bis zu uns. Es herrscht nur die Propaganda-Aktion, die alle Häuser und Wagen beschriftet: "Ohne Kampf kein Tag", "Sieg", " Kampf." Ja, wir würden siegen, wenn Siege mit Propaganda und Reden erzwungen. Unser Essen wird knapper; es reicht noch. Die Herren Offiziere beginnen mehr und mehr ein Schlemmerleben, besonders Obltn. Hansen, Obltn. Nietsche, Oberstabsarzt Thies, Intendant Bolte ??? wollen mit Kuchen und Kaffee den Krieg gewinnen. Es ist traurig, Soldaten sterben, ertrinken in der Flut der überschwemmten Gebiete, und diese Herren haben einen guten Tag. Lobenswerte Ausnahmen machen Obltn. Eckhard und Ltn. Saal, auch Ltn. Christian ist solide, aber dafür ein ganz großes Kind. Oblt. Eckhard ist der beste Offizier und ein guter Kamerad. Unser Hauptfeldwebel Langhorst wird abkommandiert zum Battall.315. Ich bedaure dies, er war stets anständig zu mir. Der Neue namens Eisler macht einen guten Eindruck.

1.4.45 Ostern ist ein trauriges Fest für uns hier. Wir merken nichts von diesem Fest, nur die Offiziere hatten sich Kuchen backen lassen und hatten auch Ostereier auf dem Frühstückstisch. Für uns gab es zu Mittag Kartoffel u. Sosse, wie jetzt täglich. Gemüse und etwas süße Speise gibt es schon lange nicht mehr. Zu allem Überfluss bekommen wir einen neuen Offizier, Obltn. Tritschel. Er übernimmt die Geschäfte als Führer der Stabskompanie. Der erste Eindruck ist denkbar schlecht, er ließ uns heute Nachmittag zur Musterung antreten. Tiefflieger störten uns und in einer Scheune fanden wir uns wieder. Dann hielt der Oltn. Tritschel uns eine Ansprache, die einfach eines Offiziers der deutschen Wehrmacht unwürdig ist. Zu einem Satz erklärte er, er verlange Vertrauen und schrecke nicht davor zurück, jeden, der seine Befehle nicht genauestens befolge, nieder zu schießen. Wahrlich sind solche Redensarten alles andere als geeignet, in diesen schweren Stunden die Moral der Truppe zu heben. Ständig steigt der Hass gegen diese Sorte von Offizieren, und offen freuen sich die Soldaten auf die Stunde, wo sie mit diesen Herren abrechnen können.
Laut OKW Bericht sind die Amerikaner bis zur Werra, zwischen Kassel und Fulda vorgedrungen. Die Luftlandedivisionen können den Raum bis Münster - Recklinghausen- Bottrop -Bocholt- besetzen. Der Main wurde bei Aschaffenburg erreicht, u.s.w. es ist nichts Erfreuliches , wie lange wird es wohl dauern, bis ganz Deutschland besetzt ist? Ist es zu verantworten, was unsere Führung befiehlt?

Willy Wintgen2.4.45 Der zweite Ostertag brachte uns leichten Artilleriebeschuss des Feindes. Der Kamin der Molkerei, welcher dem Gegner als Ziel dient, wurde gesprengt. Es ist sehr stürmisch und aus der HKL kommen schlechte Meldungen. Das Wasser in den überfluteten Gebieten stieg über alle Erwartungen so hoch, dass unsere eigenen Stellungen unter Wasser stehen. Der hohe Wellengang machte es unmöglich, Verpflegung auf die überfluteten Höfe und Stützpunkte zu bringen. Die Besatzungen der Stützpunkte sind auf kleinstem Raum zusammen gedrängt, teilweise gezwungen, auf dem Dachboden zu verweilen, weil alles Übrige überschwemmt. ist. Unsere Drahtverbindung zur H.K.L. ist fast ganz zerstört. Die Störsucher sind mit Booten unterwegs und kämpfen bisher vergeblich gegen die Gewalt des Sturmes und die Kraft der Wellen. Im Hause des Oberstabsarztes Thies ist wieder, wie so oft, großes Zechgelage. Obltn. Nitsche kann deswegen seine Wache W.O. nicht gehen. Lauter Gesang drang durchs Telefon, als Oberstabsarzt Thies den W.O. darum bat, Nitsches Wache zu übernehmen. Hier größte Not, dort sorgloses Vergnügen, - Wein Weib und Gesang. Wie ist doch die Moral gesunken! Nach sechs Jahren Krieg haben wir alles das, was wir bekämpfen wollten, so stark bei uns vertreten, dass ich den Glauben an unser Volk, als bestes Volk zu gelten, verloren habe. Lug und Trug sieht man heute mehr als je zuvor. Als Volk, das auch auf sittlich moralischem Standpunkt so furchtbar sank, können wir nicht erwarten von der Vorsehung dazu berufen zu werden, andere Völker zu führen. Gewiss gibt es in unserem Volke mehr tapfere Helden als anderswo, aber wiegen diese die Schlechtigkeiten der übrigen Menschen auf? Meine Gedanken sind immer zu Hause, was mag wohl Hedy u. Heidy und Doris machen? Furchtbar quält mich de Gedanke, sie obdachlos wie die Flüchtlinge hier zu wissen. Hoffentlich befolgen auch Hedy u. auch Vater u. Mutter meinen Rat und bleiben zu Hause. Gott möge sie beschützen, sie haben es sicher verdient, besonders Hedy, die mir eine liebe und treue Frau all die Jahre war u. ist, so Gott will, auch in der Zukunft sein wird.

3.4.45 Es wird trübes Wetter, trotzdem ist die feindliche Luftwaffe sehr rege, nachmittags gehe ich mit Georg Keusen die Ltg. zur Kompanie Ltn. Henseler entstören, dabei brausen mehrere Male Tiefflieger über uns hinweg, die aus allen Rohren feuern. Wir hatten Glück und wurden nicht getroffen. Im Straßengraben hinter Bäumen fanden wir immer wieder frühzeitig Deckung. Unser Funkraum wurde durch Bombentreffer stark beschädigt, ohne dass Kameraden verletzt wurden.

6.4.45, Weiter ist die feindliche Luftwaffe sehr rege, auch die Artillerie beschießt unser Dorf von Zeit zu Zeit. Russische Gefangene bauen nun Bunker für uns, allerdings nur aus Holz, doch etwas Schutz bieten sie doch. Das Essen wird knapp, die tägliche Fettration wird auf 10 Gr. gekürzt. Nur Fleisch gibt es noch genug, Rauchwaren gibt es noch 2 Zigaretten pro Tag, bisher 8 Stück. Es gab sogar Post, doch für mich war nichts dabei. Im übrigen gibt es jetzt sehr viel Arbeit. Alle Fernsprecher sind draußen auf Störstellen und wir drei haben nun viel zu tun. Um in der Zeit, wo der Schrankdienst ruhig ist, die Leitungen des Ortes klar zu halten.

7.4.45 Die feindliche Luftwaffe ist auch heute wieder sehr lebhaft, in den Nachmittagsstunden ging ich zur Fallschirmjäger-Einheit von Hptm. Eggermann, dabei führte mein Weg über den Damm der Elbing-Weichsel, links und rechts ist alles überschwemmt. Es ist ein schauriger Anblick. Die Häuser schauen mit dem Dach aus dem Wasser, Möbel, Geräte, Kleider u. Leichen von Tieren aller Art schwimmen umher oder sind auf den Damm gespült. Es stimmt mich bitter dieser Anblick. Wie viel fruchtbarer Boden, manches traute Heim ging verloren? Warum, nur um Truppen des Feindes zu hindern, sein weiteres Vordringen zu verhüten. Bisher wurden in Holland, Belgien und Frankreich noch größere Landstriche überflutet, ohne das dadurch der Feind längere Zeit aufgehalten wurde. Soll es hier nun anders sein? An der Westfront marschieren die englisch amerikanischen Truppen tägl. weiter, die Spitzen stehen 70 km vor Bremen u. haben die Weser südlich! Hameln überschritten. In Thüringen fiel Eisenach, gekämpft wird in Gotha (im Süden sind Würzburg, Heilbronn und Pforzheim die Orte, um die zur Zeit gekämpft wird).

8.4.45 Heute ist Sonntag, wir merken nichts davon. Gerade heute haben wir sehr viel Arbeit, weil innerhalb unseres Abschnitts Umgruppierungen vorgenommen werden. Eine neue Leitung zur Artl. 428 musste gebaut werden und die aus der H.K.L. kommenden Soldaten möchten gern ihr Haar geschnitten haben. Ich müsste 7 paar Hände haben, um allen gerecht zu werden. Tagsüber Dienst und Arbeit und jede Nacht noch 5 Std. Dienst. Da bleibt mir ganz wenig Zeit zu schlafen. Den nun ständig knurrenden Magen beruhige ich durch Rauchen von Zigarren. Habe davon einige Hundert aufgespart, um diese Vater zu schenken oder Hedy zu geben, wenn ich wieder nach Hause komme. Hedy tauscht diese gegen Esswaren, damit sie und die Kinder satt werden.. Nun wird es damit wohl nichts mehr. Würde ich diese Rauchwaren nun nicht selber aufrauchen, sie gingen bei der jetzigen Lage doch verloren. Den Hunger kann man wirklich etwas stillen, indem man raucht. Unser N.O. von dem ich schrieb, dass er uns Sorgen mache, hat nun einen Ltn. des Nachrichtendienstes von der Div. zu seiner Beaufsichtigung u. Unterstützung bekommen. Ltn. Sauer, so heißt der neue N.O. versteht sein Fach und ist uns gegenüber anständig.

9.4.45 Vormittag war ich beim Btl. "Feldherrnhalle" zum Haare schneiden. Die Soldaten sahen furchtbar aus. Über 5 cm langes Nackenhaar, es waren fast alles junge Leute. Es tat mir leid zu sehen, wie verwahrlost und verkommen diese Menschen ihre Jugendzeit erleben.

12.4.45 Es ist sehr ruhig, der Feind greift nicht an. In den dienstfreien Stunden bin ich voll mit Haare schneiden beschäftigt. Es ist mir oft zu viel, aber die Jungs taten mir leid, und so verwende ich die Freizeit immer um zu arbeiten. Der O.K.W. ist in den letzten Tagen ungünstig, Hannover, Königsberg, Erfurt gingen nebst vielen anderen Städten verloren. Vielleicht liegt in dem schnellen Kriegsende, das wohl zu erwarten ist, unser Glück!?

16.4.45 Die letzten Tage waren für uns sehr ruhig. Die Ruhe ist wohl damit zu erklären, dass die Russen alle Kraft für den gestern begonnen Großangriff auf Berlin gebrauchten. Am 14.4. fahre ich mit unserem Stabsobersten Bossmann nach Tiegenort zur vorgeschobenen- Verm.. Ich schnitt dort Haare und brachte abends dafür Brot und Speck mit. In Tiegenort lebt es sich noch sehr gut, die Zivilbevölkerung ist dort schon länger weg und hinterließ sehr viel Fett, Speck, Mehl und Viehzeug. Da nur ganz wenige Soldaten im Dorf wohnten, leben diese wie im "Schlaraffenland". Das Dorf ist ganz von Wasser umspült, die Straße von hier nach dort steht zwischen 40-120 cm unter Wasser. Hin fuhren wir im Schlauchboot, der Wellengang war abends so stark, dass eine Rückfahrt mit dem Schlauchboot unmöglich war. Da holte uns unser Fuhrmann Pattberg mit Pferd und Wagen ab. Das Pferd ging bis zur Brust durchs Wasser und der Wagen wurde von der Flut überspült.
Nass, aber trotzdem gut gelaunt, kamen wir zurück. Die Hauptsache, für's erste haben wir wieder satt zu essen!

18.4.45 Es ist weiter ruhig und die Tage vergehen mit dem üblichen Dienst.

20.4.45 Es ist weiterhin ruhig in unserem Quartier. Im Samland aber geht es sehr lebhaft her u. zu. Mehrere 1000 Verwundete trafen in Niebelswalde ein und wurden dort verschifft. Die aus unserem Raum evakuierte Zivilbevölkerung kehrt wieder zurück; einmal ist der Schiffsraum jetzt durch Verwundete belegt u. dann ist in Niebelswalde alles mit Flüchtlingen überfüllt und kaum Nahrungsmittel zu bekommen. am heutigen Tag müssen wir zu einer feierlichen Musterung antreten, anlässlich des Geburtstages unseres Führers. Zahlreiche Auszeichnungen und Beförderungen werden ausgesprochen. Meine Beförderung ab 1.9.1944 zum Hauptgefreiten wurde dabei auch bekannt gegeben. Abends wurden wir zu einem Abendessen u. Bier vom ...Führer eingeladen. Etwa 3 Std. saßen wir zu 20 Mann beisammen, aßen Schinkenbrot, tranken Bier und 2 Fl. Schnaps.
Nb: Der OKW Bericht meldete gestern, dass der Kampf um das Rhein Ruhrgebiet beendet ist. Die Russen traten zum letzten Großangriff an, er gilt Berlin.

Damit ist nun meine Heimat in Feindeshand; wie mag es nun wohl meiner Frau, meinen Kindern, Vater, Mutter und Bruder ergehen? Hoffentlich haben sie den Kampf schadlos überstanden. Möge doch der Mächtige den sinnlosen Kampf beenden. Möchte es doch nun endlich bald Frieden werden! Wie sehne ich mich nach Hause, nach Frau und Kindern, was gäbe ich dafür, um in Frieden leben zu dürfen. Heidy, meine geliebte kleine Tochter wird nun schon 7 Jahre, wie selten konnte ich in diesen Jahren bei ihr sein. Sie kennt mich nur vom Urlaub her, bald hoffe ich, immer bei ihr zu sein, dazu beitragen, sie und Doris zu liebe und verständige Mädchen zu erziehen. Bisher hatte Hedy alle Arbeit alleine. Immer habe ich im Urlaub bewundert, wie vorbildlich sie dies machte. Sie ist eine wahrhaft tüchtige Mutter geworden, meine liebe Hedy.

24.4.45 Bei uns veränderten sich die Wohnverhältnisse. Aus dem Haus zogen wir in einen Erdbunker. Es ist ein leidliches Leben darin. Dr?. Sauer meinte mir einreden zu können, es sei sogar heimisch in unserem Bunker. Doch auf den Vorschlag mit ihm, der weiter im Hause wohnt! zu tauschen, ging er nicht ein. Wie dumm halten wohl diese Sorte von Offizieren uns einfache Soldaten? Bald wird es sich wohl zeigen, wo mehr Geist vorhanden ist. Am einfältigsten und dümmsten, was mir als Offizier jemals begegnete ist unser N.O. Christians. In unserem Bunker wohnen wir mit 8 Mann auf einem Raum von 3x 4 Meter. Darin ist noch eine Ecke abgeschlagen für die Verm.-Stabsoberfunkmeister. Borrmann führt das Kommando. Letzteres ist aber nicht hart. Borrmann ist der beste Vorgesetzte, ein tüchtiger Soldat in seinem Fach und ein guter Kamerad.
Maat Keusen ist als nächster hier, dann ich und 4 Störsucher.
N.b. Der O.K.W. Bericht meldet, dass die Russen bis zur Stadtmitte von Berlin vordrangen, weiter in die Räume von Brandenburg und Potsdam. Der Führer soll in Berlin das Oberkommando führen. Es gibt jetzt die tollsten Parolen. Teilweise vom N.S.F.O werden Meldungen verbreitet um kurz danach als falsch bezeichnet zu werden. So hieß es gestern 60 Div. aus dem Westen best. ausgerüstete Truppen marschieren nach Berlin im Einverständnis mit den Angloamerikanern, um die Russen zu schlagen. Die Wende beginnt! - Oder kurz vorher: Abbruch der Beziehungen zwischen England-Amerika u. Russland, oder Rippentrop - von Papen in London- oder: der Papst appelliert an Churchill umzukehren und Europa zu retten, u.s.w.

Es scheinen mir diese Parolen, Wünsche gewisser Herren zu sein, die keinen Ausweg mehr wissen. Armes Volk, wie wurdest Du betrogen! Kann man jetzt wohl zu recht sagen.

25.4.45 Es ist Sonntag heute, dabei regnet es den ganzen Tag. Der Feind lässt uns heute unsere Ruhe. Es ist ihm aber gelungen, auf der Nehrung Fuß zu fassen. Er steht jetzt ca. 11 km weit auf dem Landstreifen der Nehrung. Heute wurde ein weiterer Teil der Zivilbevölkerung evakuiert. FlüchtlingstreckWas ich nie geglaubt habe, sah ich zu meinem Erstaunen heute. Die Evakuierung wird mit Gewalt durchgeführt. Einen ca. 60¬jährigen Mann zogen vier unserer Soldaten durch den Schlamm. Er wollte seinen Hof nicht verlassen. Warf sich zu Boden und krallte sich am Erdboden fest. Da wurde ihm ein Strick um den Leib gelegt und zu der Scheune geschleppt, wo bereits ein ganzer Schwung Zivilisten bereit steht, um abtransportiert zu werden. Vielfach sollen solche Gewaltmethoden notwendig sein, erzählen die Soldaten.

N.b: Der O.K.W. Bericht von gestern brachte die sensationelle Meldung, dass unsere Truppen an der Elbe den Amerikanern den Rücken kehrten und nun allein noch gegen die Russen kämpfen. Was soll nun werden? Eine weitere Sensation war der Rücktritt Göhrings. Wegen einem Herzleiden legte er laut Meldung des D.N.P. sein Amt nieder.

4.5.45 Es ist Regenwetter, der Feind lässt uns in Ruhe. Nur auf der Nehrung greift er an und konnte weiter Boden gewinnen. Zum Tode Adolf Hitlers hält der Rgt. Kommandeur eine kurze Ansprache und verlas uns den Aufruf und Tagesbefehl vom Admiral Döring.

Der Tod von Mussolini und ganz besonders von unserem Führer erregte alle Gemüter. Berlin ging verloren. Russen und Angloamerikaner drängen weiter vor, nun ist fast ganz Deutschland besetzt. Wir erfahren davon, dass wir hier heraus geholt werden, groß ist unsere Hoffnung, nun bald zu Hause bei den Lieben zu sein. Der Krieg ist verloren, täglich kann er nun zu Ende gehen.

6.5.45 Wir treffen Vorbereitungen zum Rückzug nach Hela.

7.5.45 Unser Rückzug verschiebt sich um 24 Stunden, weil der Feind angreift.

8.5.45 Der Russe greift weiter an. Er kann bei Grenzdorf das überflutete Gebiet überqueren und einen Brückenkopf in unserem Kessel bilden. Auch bei Tiegenhagen brach der Russe ein und das uns unterstellte Btl. Grenzmark hatte größere Verluste.
1.Kp. ging verloren. Unser geplanter Rückzug ist in Frage gestellt. Doch abends um 9 Uhr kommt Major Rogge mit seinen Leuten und wir können endlich abrücken.

Vom Feinde ungehindert setzen wir unsere Bataillone ab und werden von Fischerbalke per LKW nach Niebelswalde gefahren. Nach Mitternacht fahre ich mit den Kameraden des Nachrichtenzuges als letzte ab. Nach Überwindung mehrerer Hindernisse, Schlamm und Verstopfung, kamen wir um 02.30 Uhr in Niebelswalde an. In den Dünen finden wir ein Loch, darin schlagen wir unser Lager auf.

9.5.45 Wir verlagern uns in den Wald. In Michelswalde sieht es toll aus, Fahrzeug liegt neben Fahrzeug, PKW u. LKW. Panzer und Geländewagen werden laufend gesprengt. Im Wald ist ein Erdloch neben dem anderen. Geräte aller Art liegen umher.

Willy & KameradenPferde und anderes Viehzeug läuft in großen Mengen umher. Es ist ein Bild nach der Art wie es in Dünkirchen 1940 zu sehen war. In den frühen Nachmittagsstunden ziehen wir zur Weichsel und steigen dort an Bord von Landungsprämen. Dabei werfen wir unser Nachrichengerät ins Wasser. Obwohl es von Anfang an befohlen war, kein Gerät mitzunehmen, verteilte Ltn. Christians das Gerät u. wir mussten es an unserem Gepäck mitschleppen. Ich hatte einen Feldfernsprecher u. eine Batterie zu tragen. so war der letzte Befehl Christians, Gott sei Dank ist das Kind nun machtlos geworden und kann mit seiner Geistesschwäche uns nun nicht mehr schaden. Um 17.30 Uhr legen wir vom Land ab. Ltn. Sauer, der 2.N.O., winkt vom Land zu uns herüber. Als wir etwa 1/2 Stunde gefahren sind , muss alles unter Deck und man sagt uns, dass wir nicht nach Hela sondern nach einem deutschen Hafen fahren, der in engl. Hand ist, um dort die Waffen niederzulegen. Wir freuen uns sehr, trotzdem wir wissen, dass der Krieg verloren ist. Als wir schon auf hoher See sind um Mitternacht, da sagt man uns, dass an allen Fronten die Waffen ruhen. Deutschland hat bedingungslos kapituliert.

11.5.45 Wir fahren nach Kiel, um dort ausgeladen zu werden u. unser weiteres Schicksal in die Hände der Engländer zu legen. Der Hafen liegt bereits voll von Schiffen, die mit Truppen beladen darauf warten, ausgeladen zu werden. Abends wird mit Leucht- und Signalmunition ein Freudenfeuer veranstaltet.

11.5.45 Unser Brot ist alle. Fleischkonserven haben wir noch genug, wir haben verlangen nach einem warmen Essen oder Kaffee. Würden wir doch bald ausgeladen. In diesem langweiligen Warten sind meine Gedanken immer zu Hause. Könnte ich doch nur Hedy verständigen, sie würde sich sicher sehr freuen u. wäre großer Sorge enthoben, wüsste sie, dass ich hier bin. Der Krieg ging so zu Ende, wie ich es seit der Invasion erwartete. Die Kriegsführung der letzten Monate war ein Verbrechen der Regierung. Nie ist dieses Verbrechen wieder gut zu machen. Mit Lug und Trug trieben sie unser Volk in den Tod, u. einige dieser Lügner entzogen sich der Verantwortung durch Flucht ins Ausland. Wo ist Himmler, Rosenberg, Göring? u.s.w. Möge Gott ein gerechter Richter sein. Ich und mit mir ein Teil unseres Volkes haben den Krieg nie gewünscht.

14.5.45 Von der Fährpräme wurden wir auf den Frachtdampfer "Fangturm" verladen. Noch enger als auf Präme leben 3900 Soldaten, Uoffz. u. Offiz. aller Waffen an Bord von "Fangturm". Es gibt reichliche Verpflegung von Fleischkonserven. Brot bleibt weiter eine Rarität. Die sanitären Verhältnisse sind furchtbar. 2-3 Stunden muss man anstehen zum Waschen und beinahe ebenso lang zur Toilette.

16.5.45 Wir fahren nach Heiligenhafen, wurden dort mit Fahrprämen ausgeladen. An Land stehen engl. Soldaten u. viel Zivilbevölkerung. Das DRK schenkt Kaffee aus.

Es ist eine traurige Heimkehr, kleine Mädels versuchen durch Verteilen von Flieder die Stimmung zu heben.

17.5.45 Von Heiligenhafen marschieren wir nach Fehmarnsund u. fahren von dort mit der Fähre nach der Insel Fehmarn. In Sulsdorf .werden wir in Scheunen gut untergebracht.

19.5.45 Wir erleben in Sulsdorf einen guten Tag. Ohne Arbeit liegen wir in der Sonne, reinigen Körper und Kleider und erholen uns an Leib und Seele von den Strapazen der letzten Wochen. Wir sind überrascht, wie anständig der Engländer uns behandelt. Ich hatte es nicht anders erwartet, aber viele von uns lebten immer noch im Sinne der Nazi-Propaganda und glaubten, der Engländer werde uns vergewaltigen zur Zwangsarbeit. Bezeichnend ist, dass unser 2. NSFO Gefr. Binder in Kiel geflohen ist. . Immer hat er uns von Kameradschaftspflicht u. Nationalsozialismus gepredigt, nun ist dieser der Erste, der die Kameradschaft bricht. Er folgt damit unseren höchsten Führern, die uns alle verraten u. betrogen haben. Möge Gott den Engländern und Amerikanern die Erkenntnis geben, dass sie auch wirklich die Schuldigen an diesem grausamen Krieg zur Verantwortung ziehen.

21.5.45 Die Pfingsttage gingen in Ruhe vorüber. Es ist sehr schönes Wetter. Alkohol war vorhanden und einige Soldaten waren sinnlos betrunken. Meinen Beruf habe ich aufgenommen, so vergeht mir die Zeit gut. Das Essen ist knapp, aber es reicht.

23.5.45 Es gibt wenig zu berichten. Wir verbringen in Ruhe die Tage. Unser Stabsoberfunkm. Borrmann hatte Geburtstag u. da haben wir etwas gefeiert. Aus den Nachrichten erfahren wir, welche Führer wir in Göhring und Himmler hatten. Mit Abscheu vernehmen wir, wie sie versuchen, sich von der Verantwortung rein zu waschen. Ein Pfui u. tiefste Verachtung habe ich für diese Verbrecher, wie war es nur möglich, dass unser Volk so verführt werden konnte?

25.5.45 Ich wurde nach Petersdorf zum Abwicklungsstab, Unterabschnitt West kommandiert. Kpt. Hermwegh u. das gesamte Offiz. Korps unseres Rgt. übernahm hier die Geschäfte, Verwaltung u. Entlassung der Soldaten.

2.6.45 Heute wurden die ersten 300 Mann entlassen. Wenn es so weiter geht, wird bis zum Herbst die Insel geräumt sei. Im übrigen lebe ich hier einen ruhigen Tag. 6 Std. vormittags Dienst (in 24 Std.) und im übrigen etwas Haare schneiden ist meine tägliche Beschäftigung.

11.6.45 Die Tage vergehen ohne besondere Vorkommnisse. Gestern hatte ich endlich die lange herbei gewünschte Gelegenheit Maat H. Tatken die Antwort auf einen Vorwurf zugeben, den er am 14.3 gegen mich erhob. Damals in Fischerbalke sagte ich im Beisein einiger Kameraden: "Der Krieg ist verloren, wenn unsere Regierung nur einen Funken Liebe oder Verantwortungsgefühl zum Deutschen Volk hat, so stellt sie den Kampf ein." Tatken bestritt dies u. nannte mich dumm u. ich wäre ein Verräter, drohte mich zur Meldung zu bringen. In Gedanken an Frau u. Kinder schwieg ich u. machte eine Faust in die Tasche. Gestern nun habe ich ihm die Antwort gegeben im Beisein mehrerer Kameraden, kleinlaut stand er da, wusste keine Antwort auf meine Anschuldigung, die darauf aus gingen, dass die Nazis uns verfeuert haben und mit Lug und Trug ins Unglück stürzten. Mit brutaler Gewalt wurden wir gezwungen als uns die Augen auf gingen und der eine oder andere versuchte, sich frei zu machen. Geschw. Intendant Pelte versucht heute durch Flüsterpropaganda den Nachrichten der Alliierten entgegen zu arbeiten. Er berichtet insbesondere über die Aufklärer eine Schreckensherrschaft der Russen von Terrormaschinen der Engländer u. Amerikaner. Er ist der Kriegsverbrecher Nr.1 in meinem Regiment und wir erwarten den Tag, wo er zur Rechenschaft gezogen wird.

26.6.45 Es gibt nur wenig Interessantes zu berichten. Zum 3. Mal war ich heute zur Kirche. Der Zufall ergab eine Debatte mit unsrem Kriegsverbrecher Nr.1. Er fing an zu erzählen von den furchtbaren Zuständen in Berlin, ich fragte, woher wissen Sie das ? Er wusste nur zu antworten, man hat so seine Beziehungen. Auf meine Anschuldigungen wich er aus u. behauptete, der Führer habe diese Verhältnisse nicht gewusst, er sei von seiner Umgebung getäuscht worden. Er (Pelte) habe versucht den Führer aufzuklären, sei deswegen fast ins KZ gekommen und zur kämpfenden Truppe kommandiert worden. (bei uns N.V.R.J.) Leider vergaß ich zu fragen, warum er sich nicht gemeldet habe, als die SS Angehörigen sich melden sollten. Werde das bei der nächsten Gelegenheit nachholen.

4.7.45 Am heutigen Tag hörte ich ein interessantes Gespräch: Aus Burg wurde um 17.35 der Adm. Oltn. Hansen verlangt. Der unbekannte Sprecher aus Burg bat Hansen die Zeitung "Die Wochenpost" Nr.34 vom 30.6.45 nicht verteilen zu lassen sondern möglichst zu vernichten. Bei ev. Nachfrage zu sagen, die Sendung ging beim Transport verloren. Zufälligerweise hatte Kamerad Ellsenhorst schon 3 Exemplare auf der Schreibstube abgeholt u. wir waren eifrig am lesen, als der Melder Obgefr. Oswald Franz daher kam u. die Zeitungen wieder abholen wollte. Ich verweigerte die Herausgabe - und es rührte sich nichts mehr. Später um 17.10 sprach Kpt. Schmidt in dieser Sache mit Kpt. Hernwegh, beide vertraten die Ansicht, die Zeitung sei ein wüstes Hetzblatt u. die Verteilung müsse verhindert werden. Also immer noch will man uns für dumm verschleißen. Hoffentlich bietet sich bald die Gelegenheit, in Freiheit die Wahrheit zu hören u. zu lesen.

14.7.45 Die Endlassung wurde auf alle Berufe erweitert u. es besteht nun auch für mich die Aussicht, bald die verhasste Uniform mit dem Zivilanzug tauschen zu dürfen. Wie freue ich mich doch endlich wieder als freier Mensch, für meine Lieben arbeiten und sorgen zu dürfen. Kein Ärger mehr mit den Offizieren, die doch zu 80% immer noch Nazis sind. Möge der Tag der Freiheit doch recht bald kommen."

Epilogzurück in Mettmann

Willy Wintgen hat, nachdem er wieder in Mettmann war, ein Friseurgeschäft auf der Elberfelderstraße 63 eröffnet und 1959 ein zweites Geschäft mit seinen Töchtern Heidy Schorn und Doris Speck auf der Bismarckstraße 42 (heute Coroneo).

Dieses Geschäft führte er bis 1970 und war dann noch 10 Jahre bei G+F als Sanitäter beschäftigt. Auch im DRK war er aktiv bis zum Schluss.

Er starb 1992 im Alter von 77 Jahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   
© Aule Mettmanner